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Länzelot
Das einarmige Känguru
(Kapitel 1 bis 3)


1. Kapitel
Ein mutiger Ritter

E
s war Winter in Australien. Die Badestrände waren leer. Auf den Bergspitzen im südlichsten Zipfel des Kontinents lag Schnee. Ein eisiger Wind blies. Graue Wolken drängten sich am Himmel und rollten hier und dort so tief über die Weide, dass sie beinahe die Grasspitzen berührten. In den stacheligen Drähten eines Zaunes, der die Weide vom Wald trennte, hatte sich ein Känguru verfangen. Es hing schon seit Tagen darin und schien tief zu schlafen. Daneben lag im nassen Gras zusammengerollt ein Babykänguru. Oder Joey, wie es die Australier nennen. Das Joey zitterte erbärmlich vor Kälte und hatte Hunger.

„Hunger“, rief es, doch der Wind trug seine klägliche Stimme davon, bevor sie jemand hätte hören können.

Ein Auto kam angefahren. Seine Kühlerstäbe blitzten wie scharfe Zähne und seine Scheinwerfer sahen aus wie funkelnde Augen, als wäre es ein gefräßiges Monster. Das Joey bekam Angst und wollte sich im Beutel seiner Mutter verkriechen.

„Mama“, rief es und streckte seine Ärmchen aus. Doch die Mutter hörte es nicht. Ohne ihre Hilfe konnte das Joey den Beutel nicht erreichen. Es rannte stattdessen davon. Es rannte durch das nasse Gras und schlug dabei Haken wie ein Hase, nur derart ungeschickt, dass es über seine Beinchen stolperte und mit der Nase auf dem Boden aufschlug. Zwei riesige Hände hoben es sachte auf und eine Stimme sagte:

„Hab keine Angst. Ich tu dir nichts.“

Das Joey blickte voller Staunen in ein sonderbares Gesicht. Der Mund war flach und die Nase klein. Die Ohren saßen nicht auf dem Kopf, sondern hingen an dessen Seiten. Wie furchtbar, dachte sich das Joey, weil es nicht wusste, dass es das Gesicht eines Menschen war.

„Ich bin der Farmer“, sagte dieser Mensch. „Mir gehört die Weide. Hab keine Angst, du armes Ding. Ich nehme dich mit nach Hause. Dort kannst du dich am Ofen aufwärmen und meine Frau wird dir eine Flasche Milch zubereiten.“

Er trug das Joey ins Auto, wickelte es auf dem Hintersitz in eine Wolldecke und fuhr los. Das Joey konnte sich nicht bewegen, weder mit den Beinchen strampeln, noch mit den Ärmchen boxen. Es blickte durch das Rückfenster hilflos zu seiner Mutter, die immer kleiner und kleiner wurde, je weiter sie sich von ihr entfernten.

„Mama“, rief es mit letzter Kraft, „wach auf.“

„Ist schon gut“, beruhigte der Farmer das Joey. Seine Finger kraulten sachte seine Backe. Die Wolldecke fühlte sich weich an und wärmte das Joey. Bald fielen seine Augen zu und es fiel in einen Halbschlaf, in dem es davon träumte, im kuscheligen Beutel seiner Mutter zu liegen.

Als das Joey wieder aufwachte, räkelte es sich und glaubte, die Zitze seiner Mutter an seinen Lippen zu spüren. Es begann zu saugen. Die Zitze aber schmeckte eigenartig und es wollte auch keine Milch daraus fliessen. Das Joey öffnete die Augen und erschrak, als es in das Gesicht der Farmersfrau blickte.

„Es glaubt, mein Finger sei die Zitze“, sagte sie.

„Das ist ein gutes Zeichen“, erwiderte der Farmer. „Das kann nur bedeuten, dass es Hunger hat.“

„Ich habe dir warme Milch zubereitet“, sagte die Farmersfrau zum Joey. „Sei ein braver Junge und trink.“ Sie steckte ihm den Sauger der Milchflasche ins Maul. Die Milch schmeckte dem Joey beinahe so gut wie die seiner Mutter. Sein Hunger war so groß, dass es die Angst vor der Farmersfrau vergaß. Trotzdem ließ es sie nicht aus den Augen, während es gierig an der Flasche sog.

„Wir sollten ihm einen Namen geben“, schlug die Farmersfrau vor.

„Was hälst du davon, wenn wir es Länzelot nennen?“, erwiderte der Farmer. „Länzelot war ein edler und mutiger Ritter. Und der Kleine da besitzt eine gehörige Portion an Mut.“

„Klingt gut“, pflichtete die Farmersfrau ihm bei und lächelte das Joey an. „Von nun an sollst du Länzelot heissen.“

„Länzelot?“, fragte sich Länzelot, „weshalb sagen die ständig Länzelot? Das muss das Zeug sein, das ich da trinke.“

Die Milch schmeckte ihm, stillte seinen Hunger und wärmte seinen Bauch.

„Mmmh! Länzelot schmeckt lecker“, sagte er sich und kratzte sich zufrieden den Bauch. „Ich könnte gleich nochmals eine ganze Flasche voll Länzelot trinken.“

Die Farmersfrau legte Länzelot in einen Beutel, den sie eiligst aus einer alten Wolldecke zusammengenäht hatte und hängte ihn hinter den Holzofen an die Wand. Die Wärme kroch in Länzelots Knochen und er rollte sich zufrieden ein.


2. Kapitel

Griesgram


Der Frühling war ins Land gezogen. Die Tage wurden wärmer und Länzelot war zu einem stattlichen Kängurujungen herangewachsen. Das Erlebnis beim Weidezaun hatte er vergessen, so auch seine Mutter. Denn nichts anderes auf der Welt war für ihn klarer, als dass die Farmersfrau seine Mutter war. Er nannte sie Emm. Natürlich war der Farmer sein Vater. Ihn nannte er Pee. Aus dem Wollbeutel war Länzelot herausgewachsen. Er war groß und mutig genug, um in der Waschküche auf einem Ballen Stroh zu schlafen. Wie alle Kängurus schlief er nachmittags und blieb stattdessen fast die ganze Nacht wach. Er hatte auch gelernt, selber zu fressen und das tat er mit Vorliebe nachts. Er fraß, was ihm zwischen die Zähne kam. Äpfel, Birnen, Aprikosen und manchmal auch Melonen, die Emm ihm zuwarf, wenn sie ihn verwöhnte. Doch wie es sich für ein Känguru gehörte, fraß er vorwiegend Gras. Das gab es zu Genüge. Nicht nur im Garten, sondern vor allem auf der Pferdeweide.

Länzelot hatte auch Flausen im Kopf und tat Dinge, die verboten waren. Zum Beispiel frass er heimlich die Blätter von Emms Rosenbusch unter dem Küchenfenster.

„Wie soll er wachsen können, wenn du ihn ständig anknabberst?“, schimpfte sie jedesmal, wenn sie ihn dabei erwischte.

Oder er schlich sich einem Pferd von hinten an und erschreckte es:

„Buuh!“

Das Pferd zuckte zusammen und schimpfte: „Du Rotzjunge. Wage es nicht noch mal, mir einen solchen Schrecken einzujagen.“

„Lass uns spielen“, forderte Länzelot es auf.

„Auf deine Kindereien habe ich keine Lust“, erwiderte das Pferd.

„Griesgram. Du bist ein Griesgram.“

„Verschwinde.“

„Spiel mit mir. Spiel mit mir.“

„Verschwinde!“

Die anderen Pferde kamen herbei und bildeten um Länzelot einen Kreis.

„Was habt ihr denn?“, fragte Länzelot auf einmal verängstigt. „Wir sind doch Freunde.“

„Nicht wenn du uns ständig erschreckst“, sagte das braune Pferd.

„Wir Pferde haben empfindliche Nerven“, sagte das Schwarze.

Sie wieherten alle gleichzeitig und bleckten dabei ihre Zähne, die so riesig waren, dass es Länzelot mulmig zumute wurde. Mit einem kühnen Sprung schlüpfte er zwischen ihren Hufen hindurch und hüpfte auf und davon.

 

3. Kapitel

Krautweg

 

Länzelot versteckte sich hinter dem Stall, der eigentlich kein richtiger war. Er war eine kleine Hütte aus Blech, die Pee aus dem Garten auf die Weide gestellt hatte. Er hatte sie mit Stroh ausgelegt und einen Kübel voll Wasser reingestellt. Seither diente die Hütte als einfaches, aber gemütliches Schlafzimmer für das einzige Schaf auf der Farm. Als Länzelot sich sicher war, dass die Pferde ihn nicht mehr sahen, kam er aus seinem Versteck hervor und fragte das Schaf:

„Sag mal, warum eigentlich heißt du Krautweg?“

Krautweg kannte keine Eile. Sie hatte in ihrem langen Leben bereits einiges gesehen und nahm deshalb so ziemlich alles gelassen hin. Sie zupfte ein paar Grashalme aus dem Boden und kaute sie genüsslich, bis sie endlich ihren Kopf erhob. Aber nur ganz langsam.

„Hmm“, sagte sie mampfend, „gute Frage. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Lass mich überlegen. Krautweg? Warum heiße ich Krautweg? Hmm. . . ich weiß es nicht.“

„Aber ich weiß es. Du heißt Krautweg, weil du Kraut von der Wiese wegfrisst. Krautweg frisst das Kraut weg.“

„Hmmm“, erwiderte Krautweg und hörte auf zu kauen.

Länzelot sah, dass sie angestrengt nachdachte und musste lachen.

„Ach so“, sagte sie auf einmal, „jetzt verstehe ich. Krautweg frisst das Kraut weg. Ja, das ist wirklich lustig.“ Nun schmunzelte sie und kaute weiter. „Du bist der größte Witzbold, dem ich in meinem ganzen Leben je begegnet bin. Doch verrate mir, warum du Länzelot heißt.“

„Weil ich mutig bin wie der Ritter Länzelot“.

„Das mit den Pferden von vorhin war aber nicht mutig. Das war sehr dumm.“

„Das war lustig“.

„Nicht für die Pferde. Pferde sind scheu. Sie haben es nicht gerne, wenn man sich anschleicht. Erst recht nicht von hinten. Wenn sie sich erschrecken, schlagen sie mit den Hufen aus. Ich will mir gar nicht erst ausmalen, was mit dir geschieht, wenn einer der Hufen dich trifft.“

„Mach dir keine Sorgen. Mir wird nichts passieren. Warum kommst du nicht mit auf die Pferdeweide? Dann können wir alle zusammen spielen. Das wird ein Riesenspass.“

Krautweg blickte zur Pferdeweide rüber und seufzte: „Ich wünschte, ich wäre so frei wie du.“

„Warum bist du eingesperrt?“

„Ich war nicht immer eingesperrt. Als ich noch ein Lamm war, durfte ich den ganzen Tag ums Haus herum fressen. Sogar im Gemüsegarten. Eines Tages aber entdeckte ich unter dem Küchenfenster einen ganz besonderen Busch.“

„Den Rosenbusch“, unterbrach sie Länzelot.

„Ja den Rosenbusch. Ich knabberte nicht nur die Blätter ab, sondern auch die Blüten. Sie schmeckten vorzüglich. Einfach köstlich.“

„Hat dich Emm dabei erwischt?“

„Sie war wütend wie ein durchgeknallter Rammbock. Pee hat noch am selben Tag diesen Zaun hier errichtet. Tja, seither grase ich hier. Tagein, tagaus. So ist das im Leben. Ach was würde ich nicht alles tun, um nochmals von diesem Rosenbusch zu kosten. Meine ganze Wolle würde ich für ein einziges Blättchen hergeben.“

„Ich habe den Rosenbusch gekostet. Er schmeckt scheußlich“, sagte Länzelot und spuckte angewidert auf den Boden.

„Du bist ein schlechter Lügner“, entgegnete Krautweg. „Ich sehe es deiner Nasenspitze an, dass du den Rosenbusch genauso magst wie ich.“

„Aber ich fresse nichts mehr davon. Emm hat es mir strengstens verboten.“

„So ist das im Leben. Was man gerne mag, kriegt man nicht. Du kannst dir immerhin das fette Gras von der Pferdeweide holen.“

„Das Gras auf deiner Weide schmeckt genauso gut. Nein, es schmeckt sogar besser.“

„Du bist ein guter Junge“, sagte Krautweg mit einem tiefen Seufzer, „aber du brauchst mir nichts vorzumachen. Ich weiß, was ich sehe. Ich sehe, dass der Bach über die Pferdeweide plätschert. Das bedeutet, dass der Boden feucht ist. Und auf einem feuchten Boden wächst garantiert fettes Gras, das einfach köstlich schmecken muss.“

„Woher weißt du das alles?“ fragte Länzelot erstaunt.

„Ich habe es lange studiert. Schließlich habe ich die Pferdeweide jeden Tag vor meiner Nase. Schau dir meine Weide an. Warum glaubst du, ist das Gras hier nicht grün, sondern braun?“

Länzelot zuckte mit den Schultern.

„Weil hier kein Bach fließt. Meine Weide ist nur dann grün, wenn es regnet, was ja schon lange nicht mehr vorgekommen ist.“

„Ich werde dir welches pflücken gehen“, sagte Länzelot und hüpfte über den Zaun. Er sammelte so viele Grashalme, wie seine kleinen Pfoten tragen konnten. Er wünschte sich, er hätte einen Beutel, um ihn mit Bergen von Gras zu füllen. Doch nur Kängurumädchen haben einen Beutel. Knaben nicht. Und Länzelot war nun mal ein Knabe.

Krautweg biss aufgeregt in das grüne, fette Büschel Gras, das Länzelot ihr zurückgebracht hatte. Sie schloss die Augen und kaute und kaute. Zwischendurch brummte sie genüsslich: „Mmmh! Ich habe es gewusst. Es schmeckt himmlisch, fabelhaft, umwerfend.“

„Von heute an bringe ich dir jeden Tag einen Büschel“, versprach Länzelot und legte sich vor ihr auf den Boden. Er sah ihr zu, wie sie das Gras zerkaute. Ihr Unterkiefer bewegte sich ruhig von einer Seite zur andern. Ihre Zähne knirschten dabei mit einer schläfrigen Gleichmäßigkeit.

„Knirsch . . . Knirsch . . . Knirsch . . . !“

Es klang wie eine Uhr, die die Sekunden anschlug.

„Tick . . . Tick . . . Tick . . . !“

Nur mit dem Unterschied, dass es knirschte.

„Knirsch . . . Knirsch . . . Knirsch . . . !“

Mit jedem dieser Knirsche fielen Länzelots Augen fester zu. Er war müde geworden. Das Knirschen drang immer leiser an seine Ohren, und schneller als man eine Kerze auszublasen vermag, war er eingeschlafen. Er träumte davon, in einem Beutel zu liegen. Er hörte ein regelmäßiges, doch seltsames Geräusch.

„Tick . . . Knirsch . . . Tick . . . Knirsch . . . Tick . . . !“

Es drang tief in sein Herz und erweckte darin ein wunderschönes Gefühl. So etwas wie eine Geborgenheit. Länzelot drehte sich auf die andere Seite und schnalzte zufrieden mit der Zunge. Das war das Ende des Traums.

COPYRIGHT Adrian Plitzco, Australia


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