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Der harte Engel

(Kapitel 1 bis 3)


Kapitel 1

Dezember 1992


Vor dem Bahnhof stand ein einziges Taxi. Erst nachdem es losgefahren war, bemerkte Eric Winter, in was er sich hineingesetzt hatte. Die Sitze waren klebrig, die Türverkleidungen aufgerissen und die Klimaanlage funktionierte nicht. Es war heiß und der Fahrer roch nach Urin, der Verkehr rollte stockend, weil eine Baustelle die Hälfte der Fahrspuren blockierte. Selbst der schwache Fahrtwind war heiß und vermochte den beißenden Gestank nicht zu vertreiben. Eric streckte den Kopf aus dem Fenster, die Abgase waren geradezu wohltuend.

„Waren Sie in den Ferien?“, fragte der Taxifahrer.

„So ungefähr“, antwortete Eric.

„Wo denn? Wenn ich fragen darf.“

Nicht jeder brauchte zu wissen, dass er im Mount Buller National Park gewesen war, deshalb antwortete er: „Great Ocean Road. Apollo Bay.“

„Apollo Bay!“, schwärmte der Taxifahrer. „Fantastisch. Ja, kenne ich gut. Meine Exfrau lebt dort.“ Dann erzählte er, dass sie ein Geschäft für Surfer-Kleidung führe, und fragte, ob Eric es gesehen habe. Ohne eine Antwort abzuwarten, erzählte er, dass der Regenwald in den Hügeln über Apollo Bay bald zugrunde gehen werde, wenn man ihn weiterhin rücksichtslos abholze, und dass die Dorfbewohner das Trinkwasser sogar aus Jordanien importierten, weil das eigene durch die Abholzung ungenießbar geworden sei. „Schweinehunde“, schloss er. „Schweinehunde sind das.“

Eric war nicht an einer Konversation interessiert und betrachtete stattdessen die Wolkenkratzer, die sich auf der gegenüberliegenden Seite des karamelfarbenen Yarra-Flusses erhoben. Obwohl seine Augen nur milchige Silhouetten wahrnahmen, erkannte er die einzelnen Gebäude mühelos: den Rialto-Tower, das Melbourne-Central, das wie eine Nadelspitze in den Himmel stach, die beiden Regent-Türme sowie die unzähligen anderen, namenlosen Wolkenkratzer, die dicht gedrängt in schwindelnde Höhen schossen. Umgeben von den einstöckigen Wohnhäusern, die sich endlos in alle Richtungen über die weite Ebene ausbreiteten, erinnerte das Zentrum von Melbourne aus der Ferne an ein gigantisches Spukschloss, verziert mit Hunderten von Zinnen. Soweit Eric es beurteilen konnte, sah die Stadt noch genauso aus wie vor zwei Jahren. Nichts hatte sich geändert.

„Was sind sie von Beruf?“, fragte der Taxifahrer.

Eric zögerte. Über seinen Beruf hatte er in den letzten Jahren nicht nachgedacht, und er beabsichtigte auch nicht, es jetzt zu tun.

„Schriftsteller“, log er.

„Krimis?“

„So ungefähr.“

Der Taxifahrer lächelte. „Dann sind sie bestimmt ständig auf der Suche nach spannendem Material.“

Eric merkte, dass er einen Fehler gemacht hatte, und fragte sich, warum ihm keine langweiligere Lüge eingefallen war, wie Gabelstaplerfahrer oder Bibliothekar. Zu spät, der Taxifahrer hatte schon wieder zu einem Monolog angesetzt.

„Ich habe Sachen erlebt“, prahlte er, „einen Bestseller nach dem andern könnte man damit schreiben. Heißer Stoff. Huren, Drogensüchtige, Verbrecher. Ich kenne mich aus mit diesem Pack.“

Am Kings Way blieb der Verkehr stehen und die Hitze im Taxi wurde unerträglich. Autos, so weit das Auge reichte.

Plötzlich senkte der Taxifahrer warnend die Stimme: „Eins müssen Sie wissen, dieses Pack ist ganz schön hart. Und gefährlich.“ Er ließ das Steuerrad los und drehte sich zu Eric um. „Schauen Sie sich meinen Ring an.“

Seine Hand war groß und kräftig. Eine Hand, die viel Schaden anrichten würde, wenn sie zuschlug. Und um jeden seiner dicken Finger klebte ein Ring. Eric wusste nicht, welchen von ihnen der Taxifahrer ihm zeigen wollte, er sah nur, wie sich die Ringe tief ins dicke Fleisch gegraben hatten.

„Ich war mit ein paar Freunden einen trinken. In der Kings Street, im Titts Galore, Melbournes bestes Striplokal. Da kommt plötzlich dieser Riese auf mich zu, und ohne was zu sagen, packt er meine Hand und reißt an dem Silberring. Will ihn mir einfach von der Hand reißen, dieser Bastard, und bricht mir dabei den Finger.“ Er hielt inne und starrte Eric an, als wäre ein gebrochener Finger das größte Unglück, das einem Menschen widerfahren konnte.

„Wir gingen raus auf die Straße. Meine Freunde, der Riese und ein Haufen seiner Kollegen. Plötzlich zog einer eine Pistole. Und in seiner Dummheit schoss er sich selber in den großen Zeh.“ Der Taxifahrer lachte laut auf. „In die Hosen geschissen haben sie sich, die Feiglinge, und sind abgehauen.“

Jetzt rutschte Eric doch näher zu dem Taxifahrer hin. Er bat ihn, sich den Ring noch mal anschauen zu dürfen. Es war aber nicht der Ring, der ihn interessierte, sondern die Hände, die er nun eingehender betrachtete.

Der Taxifahrer sprach auf einmal leiser, als wollte er Eric in ein Geheimnis einweihen. „Nächste Woche sehen wir sie wieder. Dann wird abgerechnet.“ Er formte die fleischige Hand zu einem Pistolenlauf, zielte zum Seitenfenster hinaus und jagte einem nebenan wartenden Autofahrer eine imaginäre Kugel ins Ohr. Eric rutschte in den Sitz zurück.

„Könnten Sie einen Menschen umbringen?“, unterbrach er den Taxifahrer, bevor dieser wieder loslegte.

Der Verkehr rollte langsam an. Die Autos, die hinter dem Taxi warteten, hupten. Der Taxifahrer drehte sich verblüfft nach Eric um. Dann fluchte er über die ungeduldigen Autofahrer, und setzte seinen Wagen ebenfalls in Bewegung. Endlich hielt er den Mund, so lange, bis sie vor Erics Wohnung angelangt waren. Dort nahm er lächelnd das Fahrgeld entgegen und hielt Erics Hand mit seiner Riesenpranke fest.

„Wenn jemand verdient hat zu sterben“, sagte er betont gelassen, „muss ihm dazu verholfen werden.“ Dann setzte er ein steinernes Gesicht auf und fuhr davon.


Kapitel 2

Reviving Venus

 

Die Wohnung war aufgeräumt, sauber und gelüftet. Auf dem Esstisch stand ein frischer Blumenstrauß. Ein Willkommensgruß des Reinigungsservices, der während Erics Abwesenheit die Wohnung in Schuss gehalten hatte. Die Wohnung war alt, die ausgetretenen Holzböden fielen im Wohnzimmer und im Flur derart schräg ab, dass die Möbel, damit sie nicht umkippten, mit Holzkeilen ausbalanciert waren. Alle Zimmer waren hoch, geräumig und die Decken mit üppigen Stuckaturen verziert. Von den hohen Schiebefenstern blätterte die Farbe ab, und wenn draußen der Wind wehte, klapperten sie in ihren Schienen. In der ganzen Wohnung gab es keine einzige Tür, die sich problemlos öffnen ließ. Eine musste kräftig angehoben, die andere fest niedergedrückt oder getreten werden, damit sie sich in der Angel drehte. Doch diese Unvollkommenheiten verliehen der Wohnung ihren besonderen Charme. Maryanne war von Anfang an in sie verliebt gewesen und hatte nie erlaubt, irgendetwas an ihr zu verändern. Auf der düsteren Südseite lagen das Schlafzimmer, ein Gästezimmer und Erics Arbeitszimmer, vollgestopft mit Schachteln und allerlei Gerümpel. Die Nordseite hingegen war von Licht durchflutet. Hier befanden sich Wohnzimmer, Badezimmer, die Küche und Maryannes Schreibzimmer. Das Wohnzimmer war weiß gestrichen, auch der Fußboden und sogar die Möbel waren weiß. Eric konnte sich in diesem Teil der Wohnung nur aufhalten, wenn er eine Sonnenbrille trug, die seine Augen vor dem grellen Licht schützten. Aber weil Maryanne weiße Zimmer über alles liebte, hatte er sich damit abgefunden.

An sonnigen Tagen, wenn das Licht die Nordseite der Wohnung erfüllte, passierte es durchaus, dass Eric mit seinem weißen Haar, der schneeweißen Haut und in weißen Kleidern praktisch unsichtbar war. Er verschwand, das grelle Licht verschluckte ihn einfach. Maryanne war jedes Mal fürchterlich erschrocken, wenn sie nichts ahnend an dem weißen Ledersessel unter dem Fenster vorbeiging und von unsichtbarer Hand in den Hintern gezwickt wurde.

Maryannes Schreibzimmer war immer noch in dem Zustand, in dem sie es verlassen hatte. Es war vergleichsweise klein, bot aber genügend Platz für ein Büchergestell, ein Schreibpult und eine Couch vor dem Fenster. Maryanne hatte die Möbel von ihrem Großvater geerbt, der Professor für Philosophie an der Melbourner Universität gewesen war und über ein halbes Jahrhundert zwischen diesen antiken Möbeln gelebt und gearbeitet hatte. Sechs Bände über Leben und Werk englischer Philosophen hatte er an diesem Pult geschrieben, nun stand ein Computer darauf und daneben lag Maryannes erster und einziger Roman.

„reviving venus“ stand in weißen, kleingedruckten Buchstaben auf dem stahlblau glänzenden Umschlag. Auf der unteren Hälfte war eine Variation von Botticellis berühmtesten Gemälde abgebildet: die Geburt der Venus, dargestellt als grinsendes Baby, das in die Muschel pinkelte. Eric mochte den Roman nicht. Er war ihm zu anstößig, für seinen Geschmack zu grob geschrieben und männerfeindlich obendrein. Er war davon überzeugt, dass Maryanne dem Trend der neunziger Jahre verfallen war und sich im Stil der Dirty Realists versucht hatte, die in ihren Büchern schonungslos mit der angeblich verdorbenen Welt abrechneten. In brutaler, hemmungsloser Sprache erzählte sie die Geschichte zweier Frauen, die in einer neu gefundenen Sexualität die Dominanz ihrer Männer zu Fall bringen. Eric fragte sich heute noch, wo Maryanne die raue Fantasie hergenommen hatte, mit der sie die pikanten Abenteuer ihrer Hauptfiguren beschrieb. Er konnte darin keine Parallelen mit ihrem wirklichen Leben finden, denn in seinen Augen war sie zärtlich, zerbrechlich gewesen. Furchtlos, ja, aber deswegen noch lange nicht draufgängerisch. Bevor sie sich auf etwas Unbekanntes eingelassen hatte, hatte sie lange und genau überlegt. Und vor allem hatte sie ein Faible für Romantik gehabt. Nichts davon war in dem Roman vorhanden. Jedes Mal, wenn sie ihm neu geschriebene Passagen zeigte, hatte er Unbehagen empfunden. Er fürchtete, neue, unfreundliche Seiten ihrer Persönlichkeit zu entdecken. Maryanne amüsierte sich über seine Verwirrung.

„Du glaubst doch nicht etwa“, hatte sie gelacht, „ich würde meine Zeit mit Schreiben vergeuden, wenn diese Triebe in mir steckten.“

Er hatte das Gefühl, dass es ihr Roman war, der ihr zum Verhängnis geworden war. Die Art und Weise, wie sie das protzige Verhalten der Männer ins Lächerliche zog, konnte einen Verrückten durchaus aufgestachelt und seinen Hass gegenüber Frauen geschürt haben. Andererseits würde jemand, der ein gestörtes Verhältnis zu Frauen hatte, ein solches Buch wohl kaum lesen. Außerdem war Maryanne nicht berühmt genug gewesen. Dieser Roman war ihr Debüt, die Vermarktung war gerade erst angelaufen, ihr Gesicht war unbekannt und niemand hatte sich auf der Straße nach ihr umgedreht. Feinde besaß sie keine. Alle Freunde und alle, die jemals mit ihr zusammengearbeitet hatten, hatten sie gemocht. Vielleicht war es ihre Furchtlosigkeit, die sie zu Fall brachte. Ihre Furchtlosigkeit, nachts alleine durch den Botanischen Garten zu gehen. Heute Nacht würde Eric es endlich wissen.


Kapitel 3

Emotionsecho

 

Eric verschlief den Rest des Tages und wachte auf, als es bereits dunkel war. Sein Hals war trocken von der heißen, stickigen Luft im Schlafzimmer. Er ging im Dunkeln in die Küche, um dort nach Trinkbarem zu suchen. Durch die Ritzen der Jalousie schimmerte das Licht einer Straßenlaterne und warf dumpfe Schatten an die Wand. Ansonsten war die Wohnung in angenehme Dunkelheit gehüllt. Mit sicherem Griff holte Eric ein Glas aus dem Schrank und füllte es mit Leitungswasser. Er trank einen Schluck, spuckte das warme Wasser aber unverzüglich wieder aus. Er ging zum Kühlschrank hinüber, um Eis aus dem Gefrierfach zu holen. Als er die Tür schwungvoll öffnete, traf ihn ein stechender Schmerz. Er hatte das Gefühl, sein Kopf würde explodieren. Seine Augen brannten wie Feuer. Eric riss den Arm vors Gesicht, stieß mit dem Bein gegen den Stuhl und ließ sich darauf fallen. Das schwache Kühlschranklämpchen wäre für einen Normalsehenden gerade genug gewesen, nicht völlig im Dunkeln tappen zu müssen. Erics Augen aber traf es wie der gleißende Strahl elektrischer Blitze. Er griff nach dem erstbesten Gegenstand auf dem Tisch, der Espressomaschine, und schlug damit auf das Lämpchen ein, so lange, bis es zerbrach und mit einem dumpf klatschenden Geräusch erlosch. Derartige Missgeschicke trieben ihn jedes Mal zur Weißglut, gerade weil sie ihm, seit er laufen konnte, so regelmäßig passierten. Es dauerte eine Zeit, bis der Schmerz nachließ und er die Augen wieder öffnen konnte. Dass das Wasser warm war, kümmerte ihn nicht mehr, und er hatte es in wenigen Zügen ausgetrunken.

Eric fuhr hoch. Es hatte geklingelt. Auch wenn er niemanden erwartete, eilte er ins Schlafzimmer, warf einen Bademantel über und setzte die Sonnenbrille auf. Außer dem Reinigungsservice wusste niemand von seiner Rückkehr. Verwundert knipste Eric das Licht an und öffnete die Tür. Im Treppenhaus stand seine Nachbarin, Frau Oldenburg. Als sie Eric sah, klatschte sie freudig in die Hände.

„Herr Winter“, lachte sie, „habe ich es doch gewusst. Sie sind wieder da.“

Bevor er etwas erwidern konnte, huschte sie an ihm vorbei und ging in die Küche. Eric folgte ihr.

„Ich hatte befürchtet, Ihnen sei etwas zugestoßen“, fuhr sie besorgt fort, „warum haben Sie nie geschrieben oder angerufen? Aber macht ja nichts, Hauptsache, Sie sind wieder da, und wie ich feststelle, sehen Sie besser aus als je zuvor. Was ist mit Ihrer Nase passiert?“

Eric strich sich überrascht mit der Fingerspitze über die Nase. Als er die alte Narbe spürte, war er erleichtert.

„Nichts Nennenswertes“, beschwichtigte er, „beim Aufräumen ist mir ein Buch entgegengefallen. Möchten Sie Kaffee?“

Frau Oldenburg lebte allein in der unteren Wohnung. Maryanne und Eric hatten kaum Kontakt zu ihr gehabt, lediglich ein freundliches Hallo, wenn sie sich zufällig im Treppenhaus begegneten. Doch nach Maryannes Tod war Frau Oldenburg öfters hochgekommen, um nachzusehen, wie es Eric ging. Manchmal brachte sie Kuchen, Suppe oder kochte Kaffee, und jedes Mal hatte sie sich unaufgefordert in die Küche gesetzt und angefangen zu plaudern.

„Ich habe heute Nachmittag ein Taxi wegfahren sehen und danach hörte ich Geräusche in Ihrer Wohnung. Ich dachte, ich gehe einfach mal hoch und gucke nach. Kostet ja nichts. Und siehe da.“

Sie ließ Eric nicht aus den Augen und strahlte dabei übers ganze Gesicht. Sie war klein, zierlich und ziemlich alt, doch mit dem wallenden Haar, dem beinahe faltenlosen Gesicht und ihrem schnellen Mundwerk wirkte sie wie ein junges Mädchen. Sie lachte viel, eigentlich nach jedem Satz.

„Kaffee?“, fragte Eric abermals und holte verstohlen die Espressomaschine aus dem Kühlschrank.

„Sie haben nicht aufgegeben“, sagte Frau Oldenburg ernst.

Er wusste, worauf sie anspielte, und brauchte auch keine Antwort zu geben. Es war unmöglich, etwas vor Frau Oldenburg zu verbergen. Man hätte meinen können, sie verfügte über ein drittes Auge, mit dem sie Gedanken anderer Menschen las.

„Seien Sie vorsichtig“, warnte sie, „Ihre Rachegelüste fressen an Ihrer Seele und werden Sie früher oder später ins Unglück stürzen. Übrigens haben Sie vergessen, den Kühlschrank zu schließen.“

Eric drehte sich um und versetzte der Tür einen Tritt, dann stellte er zwei Tassen auf den Tisch.

„Ich habe gebetet, dass Sie darüber hinwegkommen und sich wichtigeren Dingen zuwenden würden. Aber ich sehe es Ihnen an, Sie sind nicht davon abzubringen. Warum widmen Sie sich nicht wieder Ihrer Arbeit? Das bringt Sie auf andere Gedanken. Ihre Autobahnbrücke in New Gisborne ist ein phänomenaler Erfolg. Architekten aus aller Welt pilgern in Scharen dorthin. Kürzlich war sogar ein Artikel darüber in der Zeitung. Ich habe ihn aufgehoben. Ich kann ihn morgen hochbringen, wenn Sie möchten. Es hieß darin, dass die Architektur der Neunziger Jahre durch Ihre Brücke einiges lernen kann. Sie wurden als Visionär bezeichnet.“

„Als Wegbereiter des kommenden neuen Jahrtausends“, unterbrach Eric. „Ich weiss, ich habe den Artikel gelesen.“

„Na also, Grund genug, Ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Sie sind es der Welt schuldig.“ Frau Oldenburg schüttelte herablassend den Kopf. „Dass Sie diese Brücke ausgerechnet in New Gisborne bauen mussten, verstehe ich allerdings nicht. Was für ein langweiliges Kaff. Meine Schwester lebt dort in einem Altenheim. Hat sich gut angepasst. Wenn ich mit ihr einen Spaziergang raus auf die Felder mache, kann ich sie von der kargen Landschaft nicht unterscheiden. Genauso hart und vertrocknet wie der Boden, auf dem sie geht.“ Sie lachte. „Herr Winter, die Welt liegt Ihnen zu Füßen. Sie können Geschichte machen mit Ihren verrückten Brücken. Lassen Sie sich nicht von einem Verirrten kleinkriegen. Das nützt niemandem.“

Eric interessierte ihr Ratschlag nicht. Frau Oldenburg schwebte wie ein naiver Engel auf einer esoterischen Wolke, von der aus sie versuchte, sich in das Leben anderer zu mischen. Für jeden Seelenschmerz, jedes verwirrte Gefühl hielt sie ein Rezept parat. Gegen Angstzustände empfahl sie, sich eine farbige Plastikfolie unters Kopfkissen zu legen; gegen Eifersucht badete man in lauwarmem Wasser mit Rosmarinöl und stellte sich vor, wie man die Eifersucht übers Meer ruderte und auf einer einsamen Insel metertief im Sand begrub; um böse Geister zu besänftigen, hatte man ihnen ein Geschenk anzubieten, eine Scheibe Salami zum Beispiel auf einem frischen Salatblatt und mit einem Schuss Wodka. Diese ungewöhnlichen Methoden waren für Frau Oldenburg so selbstverständlich wie für andere Menschen das Wäsche aufhängen an einem sonnigen Vormittag.

Eric goss den dampfenden Kaffee in die Tassen. Frau Oldenburg lehnte sich in den Stuhl zurück und nahm schlürfend einen kräftigen Schluck, dann sagte sie: „Bevor ich es vergesse, in meiner Wohnung stapeln sich vier Schachteln voll mit Briefen. Aus Ihrem Briefkasten. Was sich in zwei Jahren an Papier ansammelt, ist unglaublich.“

„Was für Briefe?“, fragte er erstaunt. Den Briefkasten hatte der Reinigungsservice regelmäßig geleert und die Briefe an seinen Aufenthaltsort weitergeleitet.

„Ich habe sie nicht geöffnet.“

„An mich adressiert? Mit meinem Namen?“

„So ungefähr. An den Bewohner der Liegenschaft steht drauf. Aber von Hand geschrieben. Die Leute vom Reinigungsservice waren so was von arrogant. Sie behaupteten, es seien Werbebriefe, und warfen sie jedes Mal in den Mülleimer. Ich habe sie aber rausgefischt und für Sie aufbewahrt.“

„Besten Dank“, sagte Eric irritiert, „wenn es Ihnen recht ist, komme ich die Schachteln morgen früh holen.“

„Sie brauchen sich nicht zu beeilen“, winkte sie ab, „geben Sie mir noch etwas Kaffee.“ Plötzlich runzelte sie die Stirn und wechselte das Thema. „Sie dürfen heute Nacht auf keinen Fall eingreifen oder dazwischengehen. Sie müssen es geschehen lassen, so, wie es damals geschah.“

Eric stellte verblüfft die Tasse ab. „Woher wissen Sie --?“

Frau Oldenburg zuckte mit den Schultern. „Ist doch unwichtig, oder? Wenn Sie wollen, werde ich Sie gerne in den Botanischen Garten begleiten.“

„Weshalb?“

„Betrachten Sie es als eine gute Tat meinerseits. Hilf einmal am Tag einem Blinden über die Straße und der Eintritt in Himmel sei dir gewährt.“

„Ich bin nicht blind.“

„Draußen herrscht finstere Nacht.“

„Danke, ich finde meinen Weg alleine. Ich sehe genug.“

In der Tat sah er nachts ausgezeichnet, doch davon wusste Frau Oldenburg nichts. Eric hatte diese Fähigkeit erst vor kurzem entdeckt und niemandem etwas davon erzählt. Was seine lichtempfindlichen und äußerst kurzsichtigen Augen bei Tageslicht nicht wahrnehmen konnten, sahen sie des Nachts mit hervorragender Deutlichkeit.

Auf dem einsamen Landsitz auf Mount Buller hatte er sich einmal bei einem Spaziergang durch den Busch verirrt und war von der Dunkelheit überrascht worden. Fernab vom ewig schimmernden Licht der Großstadt waren dort, vor allem bei Neumond, die Nächte so pechschwarz, dass man die sprichwörtliche Hand vor Augen nicht erkennen konnte. Zu Erics Erstaunen aber offenbarte sich ihm die Dunkelheit als eine Vielfalt von Grau- und Schwarztönen. Jeder Baum, jeder Stein, ein ausgetrampelter Weg, der lockere Erdboden oder ein Bach, ja selbst die Luft erstrahlte im eigenen Schwarz und Grau. Eric fand seinen Weg zum Haus mit Leichtigkeit zurück. Nachts war er frei, nicht auf seinen Blindenstock angewiesen, er konnte in die Ferne sehen und die Dinge betrachten. Eric sah zum ersten Mal Tiere, die er sonst nur aus Büchern kannte: Spinnen, Schlangen, Hasen, Opossums, Füchse, Wallabies und Kängurus. Nachts war der Busch voller Leben. Eine neue Welt hatte sich ihm eröffnet.

„Seien Sie vorsichtig im Botanischen Garten“, warnte Frau Oldenburg erneut, „mit Geistern muss man behutsam umgehen.“

„Was für Geister? Wovon sprechen Sie?“, wehrte Eric ab.

Frau Oldenburg überhörte seinen Einwand. „In ihrem Fall handelt es sich nicht um wahre Geister, denn der Mörder lebt ja noch. Zumindest können wir das annehmen.“ Sie blickte zur Küchendecke hoch, schlürfte an der Tasse und fragte: „Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen?“

„Welche Idee? Woher wissen Sie überhaupt, was ich vorhabe?“

„Ich spüre es, wenn sich jemand in Gefahr begibt.“

„Geister sind nicht gefährlich.“

„Aha, also doch Geister“, sagte Frau Oldenburg und schmunzelte triumphierend. „Mir können Sie die verrückteste Geschichte auf den Tisch legen. Ich bin vielleicht die Einzige, die sie versteht.“

Sie hatte Recht, überlegte Eric, jeder nüchtern denkende Mensch würde ihn auslachen. Also begann er zu erzählen.

„Seit drei Jahren sehe ich immer nur das eine Bild, wenn ich die Augen schließe. Ich sehe, wie der Mörder auf Maryanne zugeht. Immer wieder sehe ich es, es ist immer das gleiche Bild, sobald ich die Augen schließe.“

„Und jetzt glauben Sie, dass ihr Kopf nicht der einzige Ort sein kann, an dem sich diese schreckliche Szene abspielt, sondern auch dort, wo sich der Mord tatsächlich ereignete“, unterbrach ihn Frau Oldenburg.

„Soll ich weitererzählen?“

„Ja bitte“, sagte Frau Oldenburg schnell und hielt sich die Hand vor den Mund.

„Mein Haus am Mount Buller ist von Pferdeweiden umgeben. Als ich eines Nachts auf der Terrasse saß, sah ich ein Känguru über den Zaun springen. Es hüpfte zu den grasenden Pferden und blieb zwischen ihnen stehen. Es zeigte keine Angst und auch die Pferde ließen sich nicht von ihm einschüchtern. Sie grasten weiter. Doch plötzlich schlug eines der Pferde aus. Sein Hinterhuf traf das ahnungslose Känguru am Kopf und schleuderte es in hohem Bogen zum Zaun zurück. Das bedauernswerte Tier war sofort tot.“

„Aha“, sagte Frau Oldenburg erwartungsvoll und streckte ihm ihre leere Kaffeetasse entgegen. Eric schüttete den kalten Rest aus der Espressomaschine nach.

„In der darauf folgenden Nacht wiederholte sich das Ereignis. Dieselben Umstände, dasselbe Känguru, dasselbe Pferd, das ausschlug, und dieselbe Stelle, an der das Känguru liegen blieb. Ich rannte sofort hin.“

„Rannte?“, unterbrach Frau Oldenburg erneut.

Eric wurde rot.

„Schon gut. Erzählen Sie weiter.“

„An der Stelle lag das Känguru von der Nacht zuvor. Sein Körper war aufgebläht und roch bereits. Ich nahm also an, dass das zweite Känguru den Tritt überlebt hatte und davongehüpft war. In der nächsten Nacht aber geschah es wieder, exakt zur gleichen Zeit. Sonderbar war, dass sich alles an der gleichen Stelle abspielte, obwohl die Pferde diesmal hinter dem Haus grasten. Ich konnte auch kein anderes totes Känguru finden außer dem vom ersten Mal, das inzwischen von Ameisen und Fliegen angefressen wurde. So ging das jede Nacht, bis die Bilder immer undeutlicher wurden. Bezeichnenderweise fand der Spuk dann ein Ende, als vom Kadaver nur noch Knochen und Fell übrig geblieben waren.“

„Ein Echo“, sagte Frau Oldenburg. Sie blickte zur Küchendecke und dachte laut nach. „Nicht ein akustisches Eche, sondern ein visuelles, bildliches Echo. Ein Eche der Bewegung. Ein Echo hervorgerufen durch eine emotional geprägte Handlung. Ein Emotionsecho.“ Aufgeregt klatschte sie die flache Hand auf den Tisch, ihre Augen flackerten vor Wonne. „Ja, das gefällt mir. Emotionsecho. Nun denken Sie, den Mörder finden zu können, ihn sehen können, weil seine Tat als Emotionsecho nachhallt. Hab ich Recht?“

Eric nickte.

„Viel Zeit bleibt nicht mehr übrig“, sagte Frau Oldenburg.

„Warum?“

„Ein Echo hält nicht ewig an. Egal, ob es aus der Kehle eines jodelnden Schweizers stammt oder von einem Mord im Botanischen Garten, irgendwann wird es verklingen.“

Sie schluckte den kalten Kaffee hinunter und lachte über ihren Vergleich. Dann stand sie auf und ging zur Tür.

„Ich will Sie nicht länger aufhalten, Herr Winter. Ich sehe schon, Sie brennen darauf, in den Botanischen Garten zu gehen. Seien Sie auf der Hut. Geister führen uns Menschen gerne an der Nase rum. Sie lieben es, falsche Fährten zu legen. Die haben es faustdick hinter den Ohren. Vergessen Sie nicht, morgen Ihre Post bei mir abzuholen. Ich gebe Ihnen dann auch eine gute Suppe mit, die ich heute gekocht habe, mit frischen Zucchinis vom Markt, Reis und klein geschnittenem Hühnerfleisch.“ Sie knallte die Tür hinter sich zu und Eric konnte sie auf dem Hausflur noch immer lachen hören.

Er blieb in der Küche sitzen und überlegte. Emotionsecho, was für eine verrückte Vorstellung, genauso verrückt wie Frau Oldenburg. Dennoch war sie der einzige Mensch, dem er sein Erlebnis anvertrauen konnte. Er hatte die Kängurus gesehen, daran gab es nichts zu rütteln. Und ob man es nun Emotionsecho, Sonst-ein-Echo oder schlicht Einbildung nannte, war ihm egal. Vielleicht besaß er die Gabe, in die Vergangenheit zu sehen, genauso, wie andere in die Zukunft sahen. Tatsache war, dass die Polizei mit der herkömmlichen Methode versagt hatte und der Mörder bis heute nicht gefasst war. Eric glaubte nicht mehr daran, dass die Polizei den Fall noch lösen würde, dafür war schon zu viel Zeit verstrichen. Drei Jahre lang hatte er seine Rachsucht unterdrückt. Jetzt musste etwas geschehen. Und wenn er jeden Menschen in Melbourne einzeln ausquetschen musste, er wollte nichts unversucht lassen. Die Möglichkeit, die er heute Abend mit Frau Oldenburg besprochen hatte, war ein Strohhalm, an den er sich klammerte.

COPYRIGHT Adrian Plitzco, Australia


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